It's only after we've lost everything that we are free to do anything...

  Startseite
  Über...
  Archiv
  God is in the TV
  Shakespeare
  Webwelt
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Links
   Laibach
   12 Monkeys
   Zwobot
   Nine Inch Nails
   Blade Runner
   Tool
   Fight Club
   Nirvana



http://myblog.de/nevermind81

Gratis bloggen bei
myblog.de





"Die meisten, die bisher hier gesprochen haben, rühmen den, der zuerst den alten Bräuchen diese Rede beifügte, weil es schicklich sei, am Grabe der Gefallenen sie zu sprechen. Mich aber würde es genug dünken, Männern, die ihren Wert durch ein Tun erwiesen haben, auch ihre Ehre durch ein Tun zu bezeugen, wie ihr es jetzt bei diesem öffentlichen Begräbnis der Totenfeier seht, und nicht den Glauben an vieler Männer Heldentum zu gefährden durch einen einzigen guten oder minder guten Redner. Es ist nämlich schwer, das rechte Maß der Rede zu treffen, wo man auch die Vorstellungen, die jeder sich von der Wahrheit macht, kaum bestätigen kann: Denn der wohlwollende Hörer, der dabei war, wird leicht finden, die Darstellung bliebe hinter seinem Wunsch und Wissen zurück, und der unkundige, es sei doch manches übertrieben, aus Mißgunst, wenn er von Dingen hört, die seine Kraft übersteigern. Denn so weit ist Lob erträglich, das anderen gespendet wird, als jeder sich fähig dünkt, wie er's gehört hat, auch zu handeln; was darüber hinaus geht, stößt schon auf Scheelsucht und Mißtrauen. Nachdem es aber den Ahnen sich bewährt hat, daß dies so recht sei, muß auch ich dem Brauche folgen und versuchen, jedem von euch Wunsch und Erwartung zu erfüllen, so gut es geht.

Zunächst will ich unserer Vorfahren gedenken; es ist recht und geziemend, ihnen in solchem Augenblick diese Ehre des Gedächtnisses zu erweisen. Denn die Freiheit dieses Landes haben sie, in der Aufeinanderfolge der Nachwachsenden immer die gleichen Bewohner, mit ihrer Kraft bis jetzt weitergegeben. So sind sie preiswürdig, und noch mehr als sie unsere Väter. Denn diese erwarben zu dem, was sie empfingen, noch unser ganzes Reich, nicht ohne Mühe, und haben es uns heutigen vererbt. Das meiste davon haben jedoch wir selbst hier, die jetzt noch Lebenden, in unseren reifen Jahren ausgebaut und die Stadt in allem so ausgestattet, daß sie zu Krieg und Frieden sich völlig selber genügen kann. Was davon Kriegstaten sind, durch die Teil um Teil erworben wurde, oder wenn wir selbst oder unsere Väter einen fremdländischen oder griechischen Feind, der angriff, opferfreudig abgewehrt haben, das will ich, um nicht weitschweifig von Bekanntem zu reden, beiseite lassen. Aber aus welcher Gesinnung wir dazu gelangt sind, mit welcher Verfassung, durch welche Lebensform wir so groß wurden, das will ich darlegen, bevor ich dann zum Preis unserer Gefallenen mich wende – es ist dieser Stunde, glaube ich, doch wohl angemessen, daß dies ausgesprochen werde, und von Vorteil, wenn die ganze Menge von Bürgern und Fremden es anhört.

Die Verfassung, nach der wir leben, vergleicht sich mit keiner der fremden; viel eher sind wir für sonst jemand ein Vorbild als Nachahmer anderer. Mit Namen heißt sie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf eine größere Zahl gestellt ist, Volksherrschaft. Nach dem Gesetz haben in den Streitigkeiten der Bürger alle ihr gleiches Teil, der Geltung nach aber hat im öffentlichen Wesen den Vorzug, wer sich irgendwie Ansehen erworben hat, nicht nach irgendeiner Zugehörigkeit, sondern nach seinem Verdienst; und ebenso wird keiner aus Armut, wenn er für die Stadt etwas leisten könnte, durch die Unscheinbarkeit seines Namens verhindert. Sondern frei leben wir miteinander im Staat und im gegenseitigen Verdächtigen des alltäglichen Treibens, ohne dem lieben Nachbarn zu grollen, wenn er einmal seiner Laune lebt, und ohne jenes Ärgernis zu nehmen, das zwar keine Strafe, aber doch kränkend anzusehen ist. Bei soviel Nachsicht im Umgang von Mensch zu Mensch erlauben wir uns doch im Staat, schon aus Furcht, keine Rechtsverletzung, im Gehorsam gegen die jährlichen Beamten und gegen die Gesetze, vornehmlich die, welche zu Nutz und Frommen der Verfolgten bestehen, und gegen die ungeschriebenen, die nach allgemeinem Urteil Schande bringen. Dann haben wir uns bei unserer Denkweise auch von der Arbeit die meisten Erholungen geschaffen: Wettspiele und Opfer, die jahraus, jahrein bei uns Brauch sind, und die schönsten häuslichen Einrichtungen, deren tägliche Lust das Bittere verscheucht. Und es kommt wegen der Größe der Stadt aus aller Welt alles zu uns herein. So können wir von uns sagen, wir ernten zu gerade so vertrautem Genuß wie die Güter, die hier gedeihen, auch die der übrigen Menschen.

Anders als unsere Gegner sorgen wir auch in Kriegssachen. Unsere Stadt verwehren wir keinem, und durch keine Fremdenvertreibungen mißgönnen wir jemanden eine Kenntnis oder einen Anblick, dessen unversteckte Schau einem Feind vielleicht nützen könnte; denn wir trauen weniger auf die Zurüstungen und Täuschungen als auf unseren eigenen, tatenfrohen Mut. Und in der Erziehung bemühen sich die anderen mit angestrengter Übung als Kinder schon um Mannheit, wir aber mit unserer ungebundenen Lebensweise wagen uns trotz allem in ebenbürtige Gefahren. Der Beweis: Die Spartaner rücken nicht für sich allein, immer nur mit dem ganzen Bund gegen unser Land aus, während wir selbst, wenn wir unsere Gegner heimsuchen, unschwer in der Fremde die Verteidiger ihrer Heimat im Kampfe meist besiegen. Und auf unsere gesammelte Macht ist noch kein Feind je gestoßen wegen unserer Sorge für die Flotte zugleich und weitgestreuten Eingriffe auf dem Lande. Treffen sie dann irgendwo auf einen Splitter und besiegen einige von uns, so prahlen sie, sie hätten uns alle geworfen, und unterliegen sie: sie seien der Gesamtheit gewichen. Doch hat dieser mehr sorglose als mühselig eingeübte Wagemut, diese weniger gesetzliche als natürliche Tapferkeit für uns noch den Vorteil, daß wir zukünftige Not nicht vorausleiden und, ist sie da, doch nicht geringere Kühnheit bewähren als die ewig sich Plagenden, und darin verdient unsere Stadt Bewunderung – und noch in anderem.

Wir lieben das Schöne und bleiben schlicht, wir lieben den Geist und werden nicht schlaff. Reichtum dient bei uns der wirksamen Tat, nicht dem prahlenden Wort, und Armut ist einzugestehen keinem schimpflich, ihr nicht tätig zu entgehen schimpflicher. Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus zugleich und unsere Stadt, und den verschiedenen Tätigkeiten zugewandt, ist doch auch in staatlichen Dingen keiner ohne Urteil. Denn einzig bei uns heißt einer, der daran gar keinen Teil nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter, und nur wir entscheiden in den Staatsgeschäften selber oder denken sich doch richtig durch. Denn wir sehen nicht im Wort Gefahr fürs Tun, wohl aber darin, sich nicht durch Reden zuerst zu belehren, ehe man zur nötigen Tat schreitet. Denn auch darin sind wir wohl besonders, daß wir am meisten wagen und doch auch, was wir anpacken wollen, erwägen, indes die anderen Unverstand verwegen und Vernunft bedenklich macht. Die größte innere Kraft aber wird man denen mit Recht zusprechen, die die Schrecken und Freuden am klarsten erkennen und darum den Gefahren nicht ausweichen. Auch im Edelmut und der Treue ist ein Gegensatz zwischen uns und den meisten. Denn nicht mit Bitten und Empfangen, sondern durch Gewähren gewinnen wir uns unsere Freunde. Zuverlässiger ist aber der Wohltäter, da er durch Freundschaft sich den, dem er gab, verpflichtet erhält – der Schuldner ist stumpfer, weiß er doch, er zahlt seine Leistung nicht zu Dank, sondern als Schuld. Und wir sind die einzigen, die nicht so sehr aus Berechnung des Vorteils wie aus sicherer Freiheit furchtlos anderen Gutes tun.

Zusammenfassend sag ich, daß insgesamt unsere Stadt die Schule von Hellas sei, und im einzelnen, wie mich dünkt, derselbe Mensch bei uns wohl am vielseitigsten mit Anmut und gewandt sich am ehesten in jeder Lage selbst genügen kann. Daß dies nicht Prunk mit Worten für den Augenblick ist, sondern die Wahrheit der Dinge, das zeigt gerade die Macht unseres Staates, die wir mit diesen Eigenschaften erworben haben. Unsere Stadt ist die einzige heute, die stärker als ihr Ruf aus der Probe hervorgeht; nur sie erregt im Feind, der angegriffen hat, keine Bitterkeit – was für ein Gegner ihm so übel mitspiele – und auch im Untertan keine Unzufriedenheit, daß er keinen würdigeren Herrn hätte. Und mit sichtbaren Zeichen über wir wahrlich keine unbezeugte Macht, den Heutigen und den Künftigen zur Bewunderung, und brauchen keinen Homeros mehr als Sänger unseres Lobes noch wer sonst mit schönen Worten für den Augenblick entzückt – in der Wirklichkeit hält dann aber der Schein der Wahrheit nicht stand; sondern zu jedem Meer und Land erzwangen wir uns durch unseren Wagemut den Zugang, und überall leben mit unseren Gründungen Denkmäler unseres Wirkens im Bösen wie im Guten für alle Zeit.

Für eine solche Stadt also sind diese Männer hier, nicht bereit, auf ihren Besitz zu verzichten, in edlem Kampfe gefallen, und von denen, die bleiben, ist keiner, der nicht für sie wird leiden wollen. Darum habe ich ja auch so ausführlich von der Stadt geredet, und um euch zu zeigen, daß wir nicht für das gleiche kämpfen wie andere, die all das nicht so haben, und um zugleich den Lobspruch auf die, denen meine Rede gilt, durch Beweise zu erhärten. Ja zum wichtigsten Teil ist er schon gesprochen: Denn was ich an unserer Stadt pries, damit haben diese und solche Vortrefflichen sie geschmückt, und nicht bei vielen Hellenen wird man so wie bei ihnen Lob und Leistung im Gleichgewicht finden. Mich dünkt, den Wert dieser Männer enthüllt als erste Verkündung und als letzte Bekräftigung ihr jetziger Untergang. Denn selbst wenn einige sonst minder taugten, darf man ihren im Krieg für die Heimat bewiesenen Mannesmut höher stellen: Schlimmes durch Gutes tilgend, haben sie gemeinsam mehr geholfen als im einzelnen geschadet. Von ihnen aber hat keiner wegen seines Reichtums, um ihn lieber noch länger zu genießen, sich feig benommen; keiner hat in der Hoffnung der Armut, er könne, wenn gerettet, vielleicht noch reich werden, Aufschub der Gefahr gesucht; weil ihnen verlockender als all dies die Rache an den Feinden war, von allen Wagnissen dieses als das schönste galt, so erwählten sie dieses und damit Rache an ihnen, Verzicht auf das andere; der Hoffnung überließen sie das Ungewisse des Erfolgs, im Handeln aber für die sichtbare Gegenwart mochten sie auf sich selbst trauen, und indem sie hier das Sichwehren und Erleiden für schöner hielten als weichend sich zu retten, haben sie schimpflichen Gerede sich entzogen, aber die Tat mit ihrem Leibe bestanden: und in kürzestem Augenblick sind sie, auf der Höhe ihres Geschicks, nicht aus der Furcht so sehr als von ihrem Ruhme geschieden.

So haben sich also diese Männer, wie es unserer Stadt würdig ist, so wohl gehalten; die übrigen aber müssen zwar um besseres Heil beten, aber keine minder mutige Gesinnung gegen unsere Feinde haben wollen, und darum nicht nur in Gedanken auf den Nutzen schauen, von dem euch einer lang aufführen könnte, was ihr selbst gerade so gut wißt, wieviel Gutes die Abwehr des Feindes in sich faßt, sondern müssen vielmehr noch Tag für Tag die Macht unserer Stadt in der Wirklichkeit betrachten und mit wahrer Leidenschaft lieben, und wenn sie euch groß erscheint, daran denken, daß Männer voll Wagemut und doch mit Einsicht in das Nötige und voll Ehrgefühl beim Handeln das erworben haben, die, wenn sie einmal bei einer Unternehmung Unglück hatten, es unrecht gefunden hätten, wenn der Staat auch auf ihren hohen Mut nicht mehr zählen dürfte, und ihm das schönste Opfer brachten. Denn gemeinsam gaben sie ihre Leiber hin und ein weithin leuchtendes Grab, nicht das, worin sie liegen, meine ich, sondern daß ihr Ruhm bei jedem sich gebenden Anlaß zu Rede oder Tat unvergessen nachlebt. Denn hervorragender Männer Grab ist jedes Land: Nicht nur die Aufschrift auf einer Tafel zeugt in der Heimat von ihnen, auch in der Fremde wohnt, geistig, nicht stofflich, in jedermann ungeschriebenes Gedächtnis. Mit solchen Vorbildern sollt auch ihr das Glück in der Freiheit sehen und die Freiheit im kühnen Mut und euch nicht zuviel umblicken nach den Gefahren des Krieges. Nicht der Elende nämlich, der auf kein Gut mehr hoffen kann, hat soviel Grund, sein Leben hinzugeben, als wem der umgekehrte Umschwung im Leben noch droht, und bei wem der Unterschied am größten ist, wenn er einmal stürzt. Denn schmerzhafter ist für einen Mann, der Stolz besitzt, wenn er sich feige zeigt, die Schmach als der in Kraft und gemeinsamer Hoffnung treffende, kaum gespürte Tod.

Darum will ich jetzt auch die Eltern der Gefallenen, so viele von euch da sind, weniger beklagen als trösten. Sie wissen ja, in wie wechselvollen Geschicken sie groß geworden sind, und daß die glücklich heißen, die des rühmlichsten Todes – wie diese jetzt – oder Kummers – wie ihr – teilhaftig wurden, und denen für ihr Leben, darin glücklich zu sein und darin zu sterben, das gleiche Maß gesetzt ward. Es ist freilich schwer, das zu glauben, ich weiß, und noch oft werdet ihr euch an sie gemahnt fühlen bei anderer Segen, mit dem ihr einst auch prangtet, und schmerzlich ist nicht dies, Güter, die man nie gekostet, zu vermissen, aber wenn einem ein Liebgewordenes genommen wird. Doch muß man es ertragen, auch in der Hoffnung auf andere Söhne, wer noch im Alter steht, Kinder zu zeugen, denn im Haus werden sie, die nicht mehr sind, bei manchen in Vergessenheit sinken über den Nachgeborenen, und der Stadt bringt es doppelten Vorteil, weil sie nicht entvölkert wird, und wegen ihrer Sicherheit: Es kann nämlich keiner mit gleichem und gerechtem Sinn zum Rat beitragen, der nicht auch mit dem Einsatz von Kindern an den Gefahren sein Teil trägt. Ihr anderen aber, die ihr über das Alter hinaus seid, achtet das größere Stück des Lebens, worin ihr glücklich wart, für Gewinn, und daß das übrige kurz sein wird, und richtet euch auf an eurer Söhne Ruhm. Denn die Ehrliebe allein altert nicht, und im nutzlosen Rest des Lebens ist nicht der erzielte Gewinn, wie manche sagen, die größte Freude, sondern die erwiesene Ehre.

All ihr Söhne nun und Brüder unserer Helden, für euch sehe ich einen harten Wettkampf voraus; wer nicht mehr ist, wird ja gern von jedermann gelobt, und kaum mit überschwenglich großen Taten werdet ihr – nicht gleich wie sie, aber als doch nur ein wenig geringer gelten. Denn Eifersucht trifft die Lebenden von ihren Gegenspielern, was aber aus der Bahn ausschied, wird mit unumstrittener Gunst geehrt.

Soll ich nun auch der Tugend der Frauen noch gedenken, die jetzt im Witwentum leben werden, so wird mit kurzem Zuspruch alles gesagt sein: Für euch ist es ein großer Ruhm, unter die gegebene Natur nicht hinabzusinken, und wenn eine sich mit Tugend oder Tadel unter den Männern möglichst wenig Namen macht.

Gesagt habe nun auch ich in der Rede, die der Brauch will, was ich Geeignetes wußte, und auch getan ist bereits ein Teil zur Ehre der Begrabenen; zum anderen wird der Staat ihre Söhne von heute an auf öffentliche Kosten aufziehen, bis sie mannbar sind, womit er einen nutzbringenden Kranz den Gefallenen und den Überlebenden für solche Kämpfe aussetzt; denn wo die größten Preise der Tapferkeit lohnen, da hat eine Stadt auch die besten Bürger. Und nun erhebt den Klagruf, jeder um den er verlor, und dann geht."

So weit Perikles - sofern Thukydides seine Worte der Nachwelt wahrheitsgetreu überliefert hat; der alte Thukydides sagt von sich selbst ja, er sei kein Dichter und lüge also nicht. Dabei ist er doch selbst der größte aller Dichter mit seinem nüchternen und klaren Worten. Welch gänzlich andere Welt hier aus Perikles redet und wie armselig und einfältig doch die Moderne ist. Mit ihrem lächerlichen, moralischen Universalismus:

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,431308,00.html

(Ja, wir haben Vipern an unsrer Brust groß werden lassen.)
11.8.06 20:41


Ach ja, der Stern:

http://www.stern.de/magazin/heft/566853.html

Was liest doch hier der historisch gebildete Leser:

"Das Land ist bis heute von dem Trauma geprägt, dass die Welt tatenlos zusah, als die Nazis Millionen Juden vergasten."

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, die Welt habe tatenlos zugesehen, wie die Nazis mordeten. Ganz großes Kino; doch haben sich da nicht zwei entscheidende Fehler eingeschlichen? Zum einen hat die Welt das Morden der Nazis gar nicht gesehen, da diese ihr Morden zu verheimlichten suchten – die SS hatte ja nicht umsonst eine Sondereinheit zur Beseitigung der Spuren. Zum anderen natürlich war die Welt damals alles andere als tatenlos.

In Südostasien kämpfte China seine Abwehrschlacht gegen das faschistische Japan, das im Bezug auf das asiatische Festland eine ähnliche Zielsetzung verfolgte wie die Nazis in Osteuropa. Doch wie sah es mit dem Rest der Welt aus? Nun Europa war größtenteils von den Nazis besetzt (mit Ausnahme der Schweiz und Schwedens) oder mit diesen verbündet (namentlich das faschistische Italien und das nicht minder faschistische Spanien - von den ost- und südeuropäischen Vasallen Hitlers ganz zu schweigen). Großbritannien setzte den Krieg, mit amerikanischer Unterstützung, auch nach der verheerenden Niederlage Frankreichs und der eigenen Expeditionsstreitkräfte, unter schweren Verlusten, fort. Die Sowjetunion kämpfte nach 1941 eine verbissene und blutige Abwehrschlacht gegen die Nazihorden. Und Amerika? Das erklärte Präsident Roosevelt 1940 zum Waffenarsenal der Demokratie und nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour trug es einen wesentlichen Teil zum Sieg über den Faschismus bei; sowohl in Europa als auch in Asien.

Nun, wo war also die Welt, die zusah? Durch das britische und französische Kolonialreich waren Indien und der ganze afrikanische Kontinent an den alliierten Kriegsanstrengungen beteiligt; außer einigen Ländern in Südamerika gab es faktisch keine neutralen Staaten – Kanada und Australien kämpften ja an der Seite ihres britischen Mutterlandes.

Die Absurdität dieses Vorwurfs sollte nun offensichtlich geworden sein; doch und dies ist das eigentlich Erschreckende führt diese Unkenntnis der historischen Vorgänge dazu, dass völlig schwachsinnige Aussagen getroffen werden. So wird zum Beispiel behauptet, die Alliierten hätten den Holocaust dadurch verhindern können, wenn sie die Vernichtungslager der Nazis bombardiert hätten. Nun weiß man ja, dass diese allesamt weit im Osten lagen und dass die alliierten Bomber, von der britischen Insel, mühsam Berlin und das Ruhrgebiet erreichen konnten. Das systematische Morden der Nazis begann 1942, die Alliierten landeten jedoch erst im Sommer 1944 in Frankreich; zwar erreichten sie im Herbst die Reichsgrenze, doch die Nachschublinien waren chronisch überlastet. Wäre es da sinnvoll gewesen, große Bomberverbände nach Frankreich zu verlegen, um die Todeslager der Nazis zu bombardieren? Die Bomben, der Treibstoff, die Ersatzteile und nicht zuletzt die Flugzeuge selbst hätte man ja über die überlasteten Versorgungswege transportieren müssen, was den Nachschub für die kämpfenden Truppen verringert hätte. Das rasche Vordringen der alliierten Streitkräfte war also geeignet die Existenz des Dritten Reiches also weitaus schneller zu beenden als derartige Luftoperationen.

Ein weiteres Problem tritt weiterhin auf, die einzigen Flugzeuge, die überhaupt theoretisch in der Lage gewesen wären, die Vernichtungslager zu erreichen, wären die schweren Bomber gewesen, die auf das Flächenbombardement, aus großer Höhe, konzipiert waren. Mit diesen Maschinen die KZs zu bombardieren hieße faktisch die Gefangenen selbst zu töten, da es unmöglich ist, ein kleines Ziel wie eine Gaskammer zu identifizieren und zu zerstören – nicht mit der damaligen Waffentechnik.

Am unterhaltsamsten ist aber die Projizierung der heutigen Weltlage auf die damalige Zeit: Im Angesicht der gewaltigen militärischen und politischen Übermacht Amerikas nehmen viele Wirrköpfe an, diese habe auch damals bestanden. Der bescheidene Hinweis, auf die tatsächlichen, damaligen Verhältnisse, sollte genügen. Amerika hatte damals kaum mehr als 400.000 Soldaten unter Waffen – soviel wie das von den Nazis überrannte Belgien. Dazu kommt noch die unangenehme Tatsache, dass die weitaus meisten Kräfte wohl der umfangreichen, amerikanischen Flotte angehörten und damit gegen das Landheer der Nazis völlig unbrauchbar waren, so wie es die Royal Navy war. Amerika hatte also, ohne ein umfangreiches Rüstungsprogramm, keine Möglichkeit den Nazis ernsthaft Schaden zuzufügen. Ganz so wie Frankreich und Großbritannien hatten es auch die USA versäumt für den kommenden Krieg zu rüsten. Bei den Nazis handelt es sich ja nicht um einen ungefährlichen Gegner: Ihre Waffentechnik gehörte zum fortschrittlichsten der Welt, ihre Panzerwaffen waren den Modellen der Alliierten und (teilweise) auch der Sowjets weit überlegen, geführt wurden die Armeen Hitlers von hervorragenden Feldherren. Deren Rückrat bildete das preußische Offizierskorps. Hinzu kommen die ernormen Kapazitäten der deutschen Industrie. In Anbetracht dieser Tatsachen, erscheint es lächerlich, wenn einige meinen, Amerika hätte mit Hitler damals so verfahren gekonnt wie mit Hussein vor ein paar Jahren. Aber ich schweife ab...

Zurückzukommen zum Kern, dieser nebenbei getätigten Aussage des Sterns, bleibt festzustellen, dass die Welt tat was sie konnte, um dem Nationalsozialismus Einhalt zu gebieten. Hätte man diesen auch früher aufhalten gekonnt – man sieht am Beispiels des Irans wie lange sich die modernen Demokratien vor notwendigen Kriegen zu drücken pflegen...
16.8.06 01:34


"Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen. – Das worin man die nationalen Unterschiede findet, ist viel mehr, als man bis jetzt eingesehen hat, hat, nur der Unterschied verschiedener Kulturstufen und zum geringsten Teile etwas Bleibendes (und auch dies nicht in einem strengen Sinne). Deshalb ist alles Argumentieren aus dem National-Charakter so wenig verpflichtend für den, welcher an der Umschaffung der Überzeugungen, das heißt an der Kultur arbeitet. Erwägt man zum Beispiel, was alles schon deutsch gewesen ist, so wird man die theoretische Frage: was ist deutsch? sofort durch die Gegenfrage verbessern: was ist jetzt deutsch? – und jeder gute Deutsche wird sie praktisch, gerade durch Überwindung seiner deutschen Eigenschaften, lösen. Wenn nämlich ein Volk vorwärts geht und wächst, so sprengt es jedesmal den Gürtel, der ihm bis dahin sein nationales Ansehen gab; bleibt es stehen, verkümmert es, so schließt sich ein neuer Gürtel um seine Seele; die immer härter werdende Kruste baut gleichsam ein Gefängnis herum, dessen Mauern immer wachsen. Hat ein Volk also sehr viel Festes, so ist dies ein Beweis, daß es versteinern will und ganz und gar Monument werden möchte: wie es von einem bestimmten Zeitpunkte an das Ägyptertum war. Der also, welcher den Deutschen wohlwill, mag für seinen Teil zusehen, wie er immer mehr aus dem, was deutsch ist, hinauswachse. Die Wendung zum Undeutschen ist deshalb immer das Kennzeichen der Tüchtigen unseres Volkes gewesen."

- Friedrich Nietzsche
19.8.06 20:46





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung