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Die Hamburger Lokalpostille "Der Spiegel" begeistert sich neuerdings für den Atheismus

Glücklicher ohne Gott

Sehr genau beobachtet möchte ich fast sagen; allerdings ist "Religion" ein weiter Begriff und auch wenn es zutrifft, dass unter dem Deckmantel der Transzendenz vielerlei Unfug und Absurdes gelehrt und geglaubt wird. So ist die Annahme, es gäbe transzendente Mächte ebenso wenig böse oder gut wie die Annahme es gäbe keine Götter. Die Krux liegt hier immer in der Ausprägung – der Atheismus verneint schließlich immer eine spezifische Gottesvorstellung, selbst wenn er deren Werte für richtig und bewundern wert hält. Mir würde es im Traum nicht einfallen, an irgendwelche Götter zu glauben, dennoch bin ich der Letzte, der den antiken Religionen ihren Nutzen abspräche. In letzter Konsequenz manifestiert sich die Religion in zwei entgegengesetzten und unvereinbaren Extremen: Sie verheerlicht entweder das Diesseits auf Kosten des Jenseits oder das Jenseits auf Kosten des Diesseits. Es stehen kaum entwickelte Jenseitsvorstellungen den üppigsten Versprechungen jenseitiger Paradiese gegenüber – freilich, sind diese Versprechungen derart irdischer und menschlicher Natur, dass kein vernünftiger Mensch sie ernst nehmen könnte.

Dieser Gegensatz zwischen den Religionen ist entscheidend; allerdings wird er kaum noch wahrgenommen: Die lebensbejahenden Religionen sind fast vollständig verschwunden und die Weltverneinenden haben das Übergewicht erlangt. Allerdings spalten auch diese sich auf: In persönliche und kollektive Religionen, da beiden das Versprechen der Erlösung von der irdischen Mühsal gemein ist – auch wenn das Christentum den Menschen das Himmelreich verspricht und der Buddhismus das Nichts als höchste Stufe der Erkenntnis lehrt. Die personalen Religionen zeichnen sich durch Toleranz nach außen und fehlenden Bekehrungseifer aus, da in ihnen (Buddhismus und Hinduismus) der Einzelne in der Widergeburt gefangen ist und somit immer wieder die Qualen irdischen Daseins erleidet; bis er sich schließlich auf den Pfad der Erlösung begibt und die Erleuchtung erlangt. Die kollektiven Religionen (Christentum und Mohammedanertum) dagegen lehren einen perversen Altruismus, da beide an ein unmittelbar bevorstehendes, göttliches Strafgericht glauben, dem alle unerbittlich zum Opfer fallen, die nicht an deren Lehren glauben. Ergo entwickeln sich starke Neigungen, den postulierten "wahren" Glauben mittels Zwangsbekehrungen und fanatischem Missionierungsdrang den Menschen zu bringen. Die mit Abstand widerlichste Erscheinungsform religiösen Irrsinns...

Wieder einmal muss ich daher eine Lanze für das europäische Heidentum, den Polytheismus der alten Welt, brechen:

"Unsere Religion [das Christentum] hat mehr die demütigen und beschaulichen Menschen als die tätigen selig gesprochen. Sie hat das höchste Gut in Demut, Entsagung und Verachtung des Irdischen gesetzt; jene [das Heidentum] setzte es in hohen Mut, Leibesstärke und alles, was den Menschen kraftvoll macht. Verlangt auch unsere Religion, daß man stark sei, so will sie doch, daß man diese Stärke im Leiden und nicht in kraftvollen Taten äußert. Diese Lebensweise scheint also die Welt schwach gemacht und sie den Bösewichten zur Beute gegeben haben." (Nicolo Machiavelli)

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"Zu dem gleichen Schlusse nöthigt eine Kritik des christlichen Gottesbegriffs. - Ein Volk, das noch an sich selbst glaubt, hat auch noch seinen eignen Gott. In ihm verehrt es die Bedingungen, durch die es obenauf ist, seine Tugenden, - es projicirt seine Lust an sich, sein Machtgefühl in ein Wesen, dem man dafür danken kann. Wer reich ist, will abgeben; ein stolzes Volk braucht einen Gott, um zu opfern ... Religion, innerhalb solcher Voraussetzungen, ist eine Form der Dankbarkeit. Man ist für sich selber dankbar: dazu braucht man einen Gott. - Ein solcher Gott muss nützen und schaden können, muss Freund und Feind sein können, - man bewundert ihn im Guten wie im Schlimmen. Die widernatürliche Castration eines Gottes zu einem Gotte bloss des Guten läge hier ausserhalb aller Wünschbarkeit. Man hat den bösen Gott so nöthig als den guten: man verdankt ja die eigne Existenz nicht gerade der Toleranz, der Menschenfreundlichkeit ... Was läge an einem Gotte, der nicht Zorn, Rache, Neid, Hohn, List, Gewaltthat kennte? dem vielleicht nicht einmal die entzückenden ardeurs des Siegs und der Vernichtung bekannt wären? Man würde einen solchen Gott nicht verstehn: wozu sollte man ihn haben? - Freilich: wenn ein Volk zu Grunde geht; wenn es den Glauben an Zukunft, seine Hoffnung auf Freiheit endgültig schwinden fühlt; wenn ihm die Unterwerfung als erste Nützlichkeit, die Tugenden der Unterworfenen als Erhaltungsbedingungen in's Bewusstsein treten, dann muss sich auch sein Gott verändern. Er wird jetzt Duckmäuser, furchtsam, bescheiden, räth zum "Frieden der Seele", zum Nicht-mehr-Hassen, zur Nachsicht, zur "Liebe" selbst gegen Freund und Feind. Er moralisirt beständig, er kriecht in die Höhle jeder Privattugend, wird Gott für Jedermann, wird Privatmann, wird Kosmopolit ... Ehemals stellte er ein Volk, die Stärke eines Volkes, alles Aggressive und Machtdurstige aus der Seele eines Volkes dar: jetzt ist er bloss noch der gute Gott ... In der That, es giebt keine andre Alternative für Götter: entweder sind sie der Wille zur Macht - und so lange werden sie Volksgötter sein - oder aber die Ohnmacht zur Macht - und dann werden sie nothwendig gut..." (Friedrich Nietzsche)

&

"Nicht anders ist es in der Religion. Wohl liegt in Italien wie in Hellas dem Volksglauben der gleiche Gemeinschatz symbolischer und allegorisierter Naturanschauungen zugrunde; auf diesem ruht die allgemeine Analogie zwischen der römischen und der griechischen Götter- und Geisterwelt, die in späteren Entwicklungsstadien so wichtig werden sollte. Auch in zahlreichen Einzelvorstellungen, in der schon erwähnten Gestalt des Zeus-Diovis und der Hestia-Vesta, in dem Begriff des heiligen Raumes (τέμενος, templum), in manchen Opfern und Zeremonien, stimmten die beiderseitigen Kulte nicht bloß zufällig überein. Aber dennoch gestalteten sie sich in Hellas wie in Italien so vollständig national und eigentümlich, daß selbst von dem alten Erbgut nur weniges in erkennbarer Weise und auch dieses meistenteils unverstanden oder mißverstanden bewahrt ward. Es konnte nicht anders sein; denn wie in den Völkern selbst die großen Gegensätze sich schieden, welche die graecoitalische Periode noch in ihrer Unmittelbarkeit zusammengehalten hatte, so schied sich auch in ihrer Religion Begriff und Bild, die bis dahin nur ein Ganzes in der Seele gewesen waren. Jene alten Bauern mochten, wenn die Wolken am Himmel hin gejagt wurden, sich das so ausdrücken, daß die Hündin der Götter die verscheuchten Kühe der Herde zusammentreibe; der Grieche vergaß es, daß die Kühe eigentlich die Wolken waren, und machte aus dem bloß für einzelne Zwecke gestatteten Sohn der Götterhündin den zu allen Diensten bereiten und geschickten Götterboten. Wenn der Donner in den Bergen rollte, sah er den Zeus auf dem Olymp die Keile schwingen; wenn der blaue Himmel wieder auflächelte, blickte er in das glänzende Auge der Tochter des Zeus, Athenaia; und so mächtig lebten ihm die Gestalten, die er sich geschaffen, daß er bald in ihnen nichts sah als vom Glanze der Naturkraft strahlende und getragene Menschen und sie frei nach den Gesetzen der Schönheit bildete und umbildete. Wohl anders, aber nicht schwächer offenbarte sich die innige Religiosität des italischen Stammes, der den Begriff festhielt und es nicht litt, daß die Form ihn verdunkelte. Wie der Grieche, wenn er opfert, die Augen zum Himmel aufschlägt, so verhüllt der Römer sein Haupt; denn jenes Gebet ist Anschauung und dieses Gedanke. In der ganzen Natur verehrt er das Geistige und Allgemeine; jedem Wesen, dem Menschen wie dem Baum, dem Staat wie der Vorratskammer, ist der mit ihm entstandene und mit ihm vergehende Geist zugegeben, das Nachbild des Physischen im geistigen Gebiet; dem Mann der männliche Genius, der Frau die weibliche Juno, der Grenze der Terminus, dem Wald der Silvanus, dem kreisenden Jahr der Vertumnus, und also weiter jedem nach seiner Art. Ja es wird in den Handlungen der einzelne Moment der Tätigkeit vergeistigt; so wird beispielsweise in der Fürbitte für den Landmann angerufen der Geist der Brache, des Ackerns, des Furchens, Säens, Zudeckens, Eggens und so fort bis zu dem des Einfahrens, Rufspeicherns und des Öffnens der Scheuer; und in ähnlicher Weise wird Ehe, Geburt und jedes andere physische Ereignis mit heiligem Leben ausgestattet. Je größere Kreise indes die Abstraktion beschreibt, desto höher steigt der Gott und die Ehrfurcht der Menschen; so sind Jupiter und Juno die Abstraktionen der Männlichkeit und der Weiblichkeit, Dea Dia oder Ceres die schaffende, Minerva die erinnernde Kraft, Dea bona oder, bei den Samniten, Dea cupra die gute Gottheit. Wie den Griechen alles konkret und körperlich erschien, so konnte der Römer nur abstrakte, vollkommen durchsichtige Formeln brauchen; und warf der Grieche den alten Sagenschatz der Urzeit deshalb zum größten Teil weg, weil in deren Gestalten der Begriff noch zu durchsichtig war, so konnte der Römer ihn noch weniger festhalten, weil ihm die heiligen Gedanken auch durch den leichtesten Schleier der Allegorie sich zu trüben schienen. Nicht einmal von den ältesten und allgemeinsten Mythen, zum Beispiel der den Indern, Griechen und selbst den Semiten geläufigen Erzählung von dem nach einer großen Flut übriggebliebenen gemeinsamen Stammvater des gegenwärtigen Menschengeschlechts, ist bei den Römern eine Spur bewahrt worden. Ihre Götter konnten nicht sich vermählen und Kinder zeugen wie die hellenischen; sie wandelten nicht ungesehen unter den Sterblichen und bedurften nicht des Nektars. Aber daß sie dennoch in ihrer Geistigkeit, die nur der platten Auffassung platt erscheint, die Gemüter mächtig und vielleicht mächtiger faßten als die nach dem Bilde des Menschen geschaffenen Götter von Hellas, davon würde, auch wenn die Geschichte schwiege, schon die römische, dem Worte wie dem Begriffe nach unhellenische Benennung des Glaubens, die "Religio", das heißt die Bindung, zeugen. Wie Indien und Iran aus einem und demselben Erbschatz jenes die Formenfülle seiner heiligen Epen, dieses die Abstraktionen des Zendavesta entwickelte, so herrscht auch in der griechischen Mythologie die Person, in der römischen der Begriff, dort die Freiheit, hier die Notwendigkeit." (Theodor Mommsen)

So, ich hoffe mein Standpunkt sollte deutlicher geworden sein – also kein Übereifer, meine lieben Mitungläubigen; lebt man im heidnischen Griechenland, so begeht man eine schwere Dummheit auf Teufel komm raus den Aberglauben bekämpfen zu wollen. Ein spirituelles Vakuum zieht immer allerlei Sektenbüttel an und was geschieht, wenn der Herr wird, sieht man eindrucksvoll am alten Rom (der Staat war zwar schon vorher tot, aber die Schande der Christianisierung trübt Roms Abgang von der Weltbühne – allerdings möchte ich derartige Argumentationsmuster nicht auf das Christentum in Europa angewandt wissen).
23.10.06 23:16
 



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