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Wut (eine ARD-Produktion, die bereits im Vorfeld für einige Irritationen gesorgt hatte...)

"...dazu sehen Sie jetzt Wahlwerbung der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands, NPD. Für den Inhalt des Spots sind ausschließlich die Parteien verantwortlich." Bei dieser Neuauflage von "Jud Süß" – mit huldvoller Widmung an den Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung, Dr. Joseph Goebbels, hatte man diesen Hinweis doch glatt vergessen. Sicher, ein etwas polemischer Einstieg; man könnte den Film auch als realitätsnahes Sozialdrama verstehen, das die sozialen Missstände offen anspricht – und den Film dafür loben und verteidigen. Vielleicht ist hier die Deutung der Intention und die Rezeption einfach von den konkreten Ansichten und Erfahrungen des Einzelnen abhängig, meine Wenigkeit kennt nun mal die Aufnahme in deutschen Wohnzimmern und an deutschen Stammtischen (oder täuscht sich jemand über die Beweggründe hinter der Empörung Stoibers, über die Verlegung des Sendetermins?) – allerdings ist der Film unangreifbar: Der Regisseur, Züli Aladag, ist selbst Türke (getreu nach dem Motto: "Der Jude sagt es ja selbst..."). Wieso also mein Vergleich mit dem NS-Propagandafilm? Das Bild, des parasitären Fremdlings im gesunden Volkskörper, hat sich ebenso gewandelt wie das Bild des restlos ehrlichen Arieres. Egal wie viel man den Film zugute halten will oder nicht, nüchtern betrachtet stehen sich hier der ideale Wunschdeutsche – weltoffen, tolerant, liberal, gebildet, antiautoritär, pazifistisch usw. – und das leibhaftige Klischee des Türken – sexistisch, gewalttätig, kriminell, chauvinistisch, rassistisch, mohammedanisch, vulgär, ungebildet, respektlos, homophob etc. – gegenüber. Selbst das Umfeld ist nach diesem Schwarzweißmuster aufgebaut: Die deutsche Welt ist sauber, rechtschaffen und schön und die türkische deren Widerpart: Verfallene und mit Graffiti beschmierte Slums. Auch das soziale Umfeld entspricht dieser Unterscheidung... ich gehe darauf später ein, doch lasset uns die Analyse des Films unter das biblische Wort stellen, denn sie wissen nicht was sie tun:

Der Film handelt vom Martyrium der Familie Laub – der deutschen Familie Laub, würde Roland Koch nun sagen, der hofft, durch solche Filme, neue Mitglieder für seinen Stamm der Stahlhelmindianer zu werben. Vater Laub (August Zirner) ist angehender Professor für Germanistik, Mutter Christa (Corinna Harfouch, richtig: Dieselbe, die Magda Goebbels in der Untergang spielte. Ob das wohl ein Zufall ist? Zumindest mir kommen die Worte "...die Welt die nach dem Nationalsozialismus kommt ist nicht Wert darin zu leben." in den Sinn – aber ich scheine ohnehin der Einzige zu sein, der den Film umwerfend komisch fand) ist Immobilien Maklerin und der vierzehnjährige Sohn Felix nimmt noch Cello Unterricht nach der Schule. Die Familie bewohnt ein respektables Domizil, mit einem eigenen Pool, versteht sich – und nein, diese Familie wirkt nicht spießig, sie wirkt normal: Der gewöhnliche Deutsche wird sich je nach Alter in die hilflosen Eltern oder den tyrannisierten Sohn hineinversetzen können. Das Ehepaar Laub führt eine offene Beziehung, aber deren Beziehungskrise ist ohnehin reines Füllmaterial. Die Sympathien sind also vergeben (und die Leuten denen der Vater zu lasch und unmännlich ist, gehören gewöhnlich nicht zu den Leuten, von denen man Sensibilität und Differenzierungsvermögen bei so einem Thema erwarten könnte – sehr genau beobachtet: Es ist die "beim Führer [liebevoll Adolf genannt] hätte es so was nicht gegeben" Fraktion).

In die Bredouille kommt Familie Laub, als ihr Filius von (trash) Can – Wortspiele müssen nun mal sein, auch wenn sie alles andere als politisch korrekt sind – und seiner Bande terrorisiert wird. Wobei Felix hier irgendwie ein Mittelding zwischen Opfer, Beobachter und Mitläufer abgibt – der einzige Charakter, der im Film vom Schwarzweißklischee wenigstens etwas abweicht. Felix wird wahlweise verprügelt, ausgeraubt oder zum Kiffen ja fast schon genötigt – klar ist auf jeden Fall, das (trash) Can ihn zum Drogenmissbrauch verführt hat. Dass auch Vater Laub mal eine Tüte raucht, passt zum Klischee des 68zigers, was später relevant wird, wenn Sohn Felix dem Vater vorhält: Die Deutschen ließen sich alles gefallen und Schuld daran sei nur der Hitlerkomplex der Elterngeneration – nein, der Film gleitet nun nicht in Richtung "American Hisstory X" ab, also keine Angst. Ganz so mutig war die ARD dann auch wieder nicht und hat davon abgesehen, Skinheadhorden als Akt deutscher Selbstverteidigung gegen türkische Jugendbanden darzustellen... (dies geschieht dann in Wut 2: Der Widerstand). Überflüssig zu erwähnen, dass (trash) Can sein asoziales und gewalttätiges Verhalten mit der Beschimpfung der deutschen als Rechtsradikale und Nazis rechtfertigt, sobald ihm irgendjemand in seine Schranken weißt (doch nein, der Versuch (trash) Can nun als Opfer eines latenten Rassismus' der deutschen Mehrheitsgesellschaft deuten zu wollen, ist vergeblich: Viel eher spricht es diese davon frei und deutet an, etwas gegen derart gesellschaftsfeindliche Elemente tun zu müssen).

Die Handlung spielt sich nun nach einem einfachen Eskalationsmuster ab: Felix wird seit Monaten terrorisiert, was die Mutter weiß. Als (trash) Can Felix seine Schuhe raubt, erfährt Vater Laub davon. Ein Gespräch mit dem Anführer der Bande bleibt ohne Ergebnis. Danach wendet sich Vater Laub an (trash) Cans Vater – der überfromme Klischeetürke, mit Bart, der seinen Sohn sofort prügelt – und verlangt die Schuhe zurück; sein Wunsch wird erfüllt, doch dafür kommt (trash) Can ins Haus der Familie Laub – ihm fallen natürlich die Augen aus (Filmfehler: Die Wohnung von (trash) Can ist kein Elendsquartier, sondern recht geräumig und feudal eingerichtet). Sein Verständnis von Gastfreundschaft dürfte allerdings beim Zuschauer lediglich auf Unverständnis stoßen. Eines Abends sitzt Professor Laub mit seiner studentischen Gespielin in einem schicken Berliner Restaurant. Richtig, auch hier trifft er auf seinen neuen Freund, mit dem Migrationshintergrund. Allerdings genügt es mit dem Finger zu schnippen, als dieser ihn belästigt, und schon wird der Störenfried aus dem Restaurant entfernt. Allerdings stürmt dieser dafür in die Antrittsvorlesung von Professor Laub, was diesen so sehr verdrießt, dass er ganz schlimme Worte sagt. Weiter geht es: (trash) Can lässt Felix von seinen Lakaien wider verprügeln (der Zuschauer fragt sich langsam wirklich, wieso Felix dem (trash) Can nicht einfach aus dem Weg geht, sondern immer wieder mit dessen Gang herumhängt – ist der Gute etwa Masochist?) – Vater Laub wendet sich erneut an (trash) Cans Vater, wird aber abgewiesen. Ein weiteres Zusammentreffen endet damit, dass der gute Professor von der Jugendbande zusammengeschlagen wird. Glücklicherweise betreibt (trash) Can einen recht lukrativen Handel mit illegalen Substanzen, was der Professor mittels seiner Videokamera dokumentiert: Und schon kommt das Rollkommando zu (trash) Can nach Hause. Tja, damit blickt dieser natürlich einem Verfahren entgegen und nun wird der Film vollends unrealistisch: Mag Felix auch von dessen Freunden attackiert werden, aber dass (trash) Can selbst wieder frei kommt ist völlig unrealistisch: Flucht und Verdunkelungsgefahr – normalerweise kommt, bei der im Film gezeigten Menge an Drogen, niemand, vor Beginn des Prozesses, wider auf freien Fuß. Unser Professor muss nun zu härteren Mitteln greifen, so lässt er (trash) Can einfach mal so zusammenschlagen. Was diesen natürlich noch mehr in Rage versetzt er überfällt Familie Laub zuhause, fesselt Mutter und Sohn und hält den Vater mit einer Waffe in Schach – ganz großes Kino: Da ist er also nun der Menschenfeind, wie er die Unschuldigen tyrannisiert. Dazu noch sein Gerede, man werde ihn nun nicht mehr los – hier spielt man nun auf die populäre Forderung der CDU an, solche Gestalten auf Nimmerwiedersehen abzuschieben – und er sei nun überall dabei. Hier fährt der Film noch einmal zur Höchstform auf: Es wird suggeriert, der Vater müsse seine Prinzipien überbord werfen und endlich selbst Gewalt anwenden, um seine Familie zu schützen. Zugegeben, das Ende ist etwas misslungen, zwar erhält (trash) Can den Tod, aber richtig befriedigend und befreiend wirkt das nicht. Hieran hätte man arbeiten müssen...

Abschließend lässt sich sagen: Der Film ist ein eindrucksvolles Beispiel wie man realitätsfremde Dinge in reale Zustände einweben kann, um diesen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Wäre Felix ein Hauptschüler gewesen und sein Vater Hartz IV Empfänger, dann hätte daraus sogar was werden gekonnt – zumindest benimmt sich Felix wie ein Hauptschüler und hört auch die Berliner Asozialenmusik; und nein, Hauptschüler nehmen keinen Cellounterricht, selbst wenn ihre Eltern aus der Oberschicht stammen – der Versuch die Familie Laub als Angehörige der Mittelschicht darzustellen, misslingt nämlich auch. Die Schule die Felix besucht und seine deutschen Gleichaltrigen kommen in dem Film nicht vor – was diesem viel Glaubwürdigkeit nimmt, aber andererseits alternativlos ist: In Wirklichkeit gehen gutbetuchte Kinder nicht in deregulierten Gebieten zur Schule, wie auch Jugendbanden von solchen Vierteln ferngehalten werden, selbiges gilt für die Szene an der Uni – ein Asozialer mit Migrationshintergrund wird wohl kaum die Antrittsvorlesung eines missliebigen Professors ausfindig machen und wenn er es tut, dann hat er eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs am Hals (in diesem Fall wohl auch noch wegen Beleidigung, übler Nachrede und eventuell auch Volksverhetzung) – das rechtliche Instrumentarium ist hier erheblich und dessen Wirksamkeit bleibt der Oberschicht gewöhnlich nicht verborgen. Auch wird sich hier weitaus mehr Hilfe, seitens der Staatsmacht, mobilisieren lassen: Trifft die Kriminalität die Falschen (will heißen die Einflussreichen und Mächtigen), so kommt es überraschend schnell auch mal zum übergesetzlichen Notstand...

(Ich weiß, das Problem, mit den ausländischen Jugendbanden, ist akut, in den Großstädten, aber dieser Missstand gehört eben zu jenen, die man öffentlich nicht besonders breit treten sollte – es könnte der staatsbürgerlichen Gesinnung sehr abträglich sein. Gerade in den Schichen der Bevölkerung auf denen der Staat ruht. Unterschätzen sollte man das Problem auf keinen Fall: Der Staat ist vielmehr aufgerufen es heimlich, still und leise aus der Welt zuschaffen – und dies mit der nötigen Eile zu tun. Dazu bieten sich verstärke Polizeipräsenz in den deregulierten Gebieten, Verschärfung oder Abschaffung des Jugendstrafrechts (besonders bei schweren Delikten oder Fällen organisierter Kriminalität) und eine langfristige Beseitigung der Ursachen – also der sozialen Missstände, einschließlich der Wert- und Moralvorstellungen, die für diese feindselige und kriminelle Haltung gegenüber der deutschen Gesellschaft verantwortlich sind – an. Hat der Staat fünftausend Polizisten, um den Papst zu bewachen, dürfte er auch über genügend Kräfte verfügen, in den Slums hin und wieder den kriminellen Abschaums zusammenzukehren und außer Landes schaffen zu lassen – was auch das Leben in solchen Gebieten angenehmer machen dürfte. Mag es, solange die kausalen Missstände nicht beseitigt sind, auch eine Sisyphosarbeit sein. So ist diese dennoch notwenig, um das Fundament des Staates, also seine Bürgerschaft zufrieden zu stellen und zu schützen – da diese dem Staat nur dann loyal gegenübersteht, wenn er ihre Rechte und Freiheiten verteidigt. Eine Nachlässigkeit hier ist die beste Jugendarbeit, die der Staat für die NPD leisten könnte. Wie man in Berlin, Frankfurt oder dem Ruhrgebiet feststellen kann – die gibt es nämlich auch, die Ausländerfeindlichkeit mit Ausländern und nicht nur die ohne, die man in Ostdeutschland so beklagt.)

7/10
1.10.06 19:29
 



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